Farbe bekennen. Neue Bestuhlung der Friedhofskapelle.
Ein Raum ist niemals stumm. Er ist ein performativer Akteur im gottesdienstlichen Geschehen. Er engt ein oder weitet den Blick, er hierarchisiert oder demokratisiert, er tröstet oder schüchtert ein.
Bei einer Friedhofskapelle ist die Predigt des Raumes oft die erste Predigt, noch bevor die Pfarrerin oder der Redner das Wort ergreifen. Trauernde betreten den Raum in einem Zustand existentieller Erschütterung. Worte dringen kaum durch – aber jede Farbe, jeder Geruch, jede Berührung Stuhllehne prägt sich ein. Seit der Anfang Januar hat unsere Friedhofskapelle auf dem Foto: Privat Waldfriedhof neue Stühle. Die alten waren so durchgesessen, dass von außen die Federn zu sehen waren. Selbst wer ohne Rückenbeschwerden kam, hatte nach dem Sitzen welche. Jetzt leuchtet es: Blau, Grün, Gelb. Die Stühle holen den Waldfriedhof nach innen. Wenn draußen die Bäume kahl sind, blüht die Kapelle weiter. Die Neubestuhlung ist kein bloßer Austausch von Mobiliar. Sie ist materialisierte Theologie. Vielleicht halten Sie kurz inne, wenn Sie das nächste Mal unsere Friedhofskapelle betreten. Der Raum predigt – noch bevor jemand ein Wort sagt.
Pfarrerin Anna-Luise Amthor
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